Interview mit Monika Anna Wojtyllo (Polska Love Serenade)
(Geführt von Stefan Fichtner, Programmredaktion Filmkunstfest M-V, Schwerin)
Du erfüllst ja sämtliche polnische Klischees nicht nur auf der Leinwand.
Auch am Set galten altbekannte polnische Regeln: ohne Beziehungen läuft gar nichts und die Familie steht über allem.
Ja, fast wie bei den Corleones...oder den Coppolas. Nein, in der Tat tauchen im Abspann viele Wojtyllos auf, ich habe das große Glück, aus einer Schauspielerfamilie zu kommen. Anders wäre der Film bei dem Budget von 27.000 Euro auch gar nicht zu realisieren gewesen. Mein Vater hat den Bürgermeister-Weihnachtsmann gespielt und meine Cousins, die sonst die ganze Woche im seriösen Anzug und Krawatte herumlaufen, habe ich für den Film in Jogginganzüge gesteckt und zu sympathischen trinkfreudigen Dörflern gemacht - was Anfangs einige Überredungskunst gekostet hat, da sie das Outfit ziemlich unmöglich fanden. Meine Mutter hat die Produktionsassistenz sowie das polnische Casting übernommen, Tanten und Onkel stellten für das Weihnachtsessen nicht nur Haus und Garten zur Verfügung, sondern brillierten auch als Komparsen am Tisch der Familie Sobieski. Aber auch die anderen polnischen Schauspieler sind quasi Familie. Die meisten von Ihnen kenne ich schon seit meiner Kindheit. Christoph Leszczynski, unser Pfarrer, z.B. spielt schon seit dem ich denken kann mit meinem Vater Theater.
Hinterwäldlerei, Aberglauben, Autoklau, Wodka, Mafia und Deutschenfeindlichkeit – ich kann mir vorstellen, dass so mancher moderne Pole sein Land gerne anders präsentieren würde.
Auf den ersten Blick vielleicht. Aber gerade dies alles durch Überspitzung zu brechen ist das Ziel des Filmes. Es gibt nun mal diese ganzen Klischees, und die werden auch nicht aussterben, wenn man sie leugnet. Meine Strategie ist eher: Fehler machen menschlich. Bei einem kulturellen Dialog muss man dem Zuschauer die Angst vor dem Unbekannten nehmen, und das geht hervorragend über Klischees, man kann gemeinsam über sie lachen und ihnen auf diese Weise die Ernsthaftigkeit und somit die Macht entziehen. Auch in Polen sind die Reaktionen auf den Film sehr positiv. Die Polen lachen sehr über die deutschen Klischees die Anna und Max mit sich bringen. Nazi-Opas, Landrückgabeansprüche, steife Spießigkeit, kaputte Familien und Besserwisserei. Ich will kein Betroffenheits-Kino machen bei dem sich nur die „Wissenden“ auf die Schulter klopfen, sondern auch den normalen Bürger erreichen, der mit dem Thema sonst wenig zu tun hätte. Frei nach Wilders Motto: "If you have something important to say, dip it in a little bit of chocolate!" Und das was hinterher im Kopf des Zuschauers hängen bleibt sind polnische Herzlichkeit, Tradition, Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt und neue Perspektiven durch die EU-Zugehörigkeit. Was für den Italiener seine Pasta ist, für den Franzosen der Rotwein, sind für den Polen Wodka, Wurst und Gurken. Ich finde das herrlich. Die erste Annäherung zweier Kulturen erfolgt immer zuerst über Sympathie, und sympathisch sind die Figuren in dem Film allemal, oder?
Also mir schon. - Wenn im modernen EU-Polen ein Klischee mit Fug und Recht überlebt, welches wäre das?
Die polnische Gastfreundschaft, sie ist tief verwurzelt. Das der Platz, der am Weihnachtstisch für einen Fremden, der des Weges kommen mag, freigehalten wird, ist nicht erfunden. Alle Polen die ich kenne praktizieren diesen Brauch, egal ob sie in Polen oder Deutschland leben.
Du hast mal gesagt, du hättest den Film gerne noch böser gehabt, kannst du das erläutern?
Ich hätte gerne noch mehr übertrieben, wäre gerne noch satirischer gewesen. Die Szene auf dem Schrottplatz, in der das "verlorene" Auto wieder auftaucht, hätte eigentlich auf der Polizeiwache spielen sollen, und die dubiosen Typen, die als Security in Max's "Projekt" einsteigen wollen, hätten eigentlich nicht irgendwelche Mafiosis sein sollen, sondern ganz offizielle Polizisten. Das hat dann aus schnöden praktischen Gründen nicht geklappt, obwohl eigentlich schon alles mit der Polizei gedealt war. Die „Dynamische Politik“ in Polen ist eben sehr unstätig. Und so spricht die Automafia einfach die Texte der Polizisten, was auch seinen Charme hat...
Der Schauspieler, Komiker, und Autor des Bestsellers 'Viva Polonia', Steffen Möller, der vor kurzem auch im Capitol Schwerin gelesen hat, hat sich in die Polen verliebt und sieht sich jetzt als eine Art inoffizieller deutsch-polnischer Kulturbotschafter.
Was macht dich zur Völkerverständigerin?
Das klassische Scheidungskind-Syndrom. Polen steht für meine Kindheit und meine Familie, Deutschland für meine Freunde und meine Arbeit. Ich versuche halt die beiden Hälften wieder zusammenzubringen.
Zusammen mit deinem Freund und Arbeitspartner Jonas Grosch, mit dem du auch das Drehbuch zu 'Polska Love Serenade' geschrieben hast, warst du erst neulich wieder beim Dreh,
nur diesmal vor der Kamera ...
Wir haben gerade die Dreharbeiten beendet. 'Resisté – Aufstand der Praktikanten' ist Jonas' Diplomfilm. Wieder eine Komödie. Es geht um die knallharten Gesetze der Generation Praktikum und natürlich um Liebe und Revolution... Die Schauspielerei ist mein zweites Standbein. Familienbedingt stand ich mit drei zum ersten mal auf der Bühne. Seit 1998 habe ich viel fürs Fernsehen gearbeitet, 'Resisté' ist nun meine zweite Rolle fürs Kino. Ich spiele Elaine, eine tiefdekolletierte Medienjournalistin die ihr Dasein als Praktikantin bei einer Fernsehshow fristet und sich dem Aufstand anschließt. Natürlich nicht ohne Folgen.
Man darf also, gespannt sein, ich bedanke mich für das Gespräch, alles weitere bei der Eröffnung am Donnerstag!
(Interview von Stefan Fichtner im Vorfeld der 2. Woche des polnischen Films Meckelnburg-Vorpommern Januar 2009)
Du erfüllst ja sämtliche polnische Klischees nicht nur auf der Leinwand.
Auch am Set galten altbekannte polnische Regeln: ohne Beziehungen läuft gar nichts und die Familie steht über allem.
Ja, fast wie bei den Corleones...oder den Coppolas. Nein, in der Tat tauchen im Abspann viele Wojtyllos auf, ich habe das große Glück, aus einer Schauspielerfamilie zu kommen. Anders wäre der Film bei dem Budget von 27.000 Euro auch gar nicht zu realisieren gewesen. Mein Vater hat den Bürgermeister-Weihnachtsmann gespielt und meine Cousins, die sonst die ganze Woche im seriösen Anzug und Krawatte herumlaufen, habe ich für den Film in Jogginganzüge gesteckt und zu sympathischen trinkfreudigen Dörflern gemacht - was Anfangs einige Überredungskunst gekostet hat, da sie das Outfit ziemlich unmöglich fanden. Meine Mutter hat die Produktionsassistenz sowie das polnische Casting übernommen, Tanten und Onkel stellten für das Weihnachtsessen nicht nur Haus und Garten zur Verfügung, sondern brillierten auch als Komparsen am Tisch der Familie Sobieski. Aber auch die anderen polnischen Schauspieler sind quasi Familie. Die meisten von Ihnen kenne ich schon seit meiner Kindheit. Christoph Leszczynski, unser Pfarrer, z.B. spielt schon seit dem ich denken kann mit meinem Vater Theater.
Hinterwäldlerei, Aberglauben, Autoklau, Wodka, Mafia und Deutschenfeindlichkeit – ich kann mir vorstellen, dass so mancher moderne Pole sein Land gerne anders präsentieren würde.
Auf den ersten Blick vielleicht. Aber gerade dies alles durch Überspitzung zu brechen ist das Ziel des Filmes. Es gibt nun mal diese ganzen Klischees, und die werden auch nicht aussterben, wenn man sie leugnet. Meine Strategie ist eher: Fehler machen menschlich. Bei einem kulturellen Dialog muss man dem Zuschauer die Angst vor dem Unbekannten nehmen, und das geht hervorragend über Klischees, man kann gemeinsam über sie lachen und ihnen auf diese Weise die Ernsthaftigkeit und somit die Macht entziehen. Auch in Polen sind die Reaktionen auf den Film sehr positiv. Die Polen lachen sehr über die deutschen Klischees die Anna und Max mit sich bringen. Nazi-Opas, Landrückgabeansprüche, steife Spießigkeit, kaputte Familien und Besserwisserei. Ich will kein Betroffenheits-Kino machen bei dem sich nur die „Wissenden“ auf die Schulter klopfen, sondern auch den normalen Bürger erreichen, der mit dem Thema sonst wenig zu tun hätte. Frei nach Wilders Motto: "If you have something important to say, dip it in a little bit of chocolate!" Und das was hinterher im Kopf des Zuschauers hängen bleibt sind polnische Herzlichkeit, Tradition, Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt und neue Perspektiven durch die EU-Zugehörigkeit. Was für den Italiener seine Pasta ist, für den Franzosen der Rotwein, sind für den Polen Wodka, Wurst und Gurken. Ich finde das herrlich. Die erste Annäherung zweier Kulturen erfolgt immer zuerst über Sympathie, und sympathisch sind die Figuren in dem Film allemal, oder?
Also mir schon. - Wenn im modernen EU-Polen ein Klischee mit Fug und Recht überlebt, welches wäre das?
Die polnische Gastfreundschaft, sie ist tief verwurzelt. Das der Platz, der am Weihnachtstisch für einen Fremden, der des Weges kommen mag, freigehalten wird, ist nicht erfunden. Alle Polen die ich kenne praktizieren diesen Brauch, egal ob sie in Polen oder Deutschland leben.
Du hast mal gesagt, du hättest den Film gerne noch böser gehabt, kannst du das erläutern?
Ich hätte gerne noch mehr übertrieben, wäre gerne noch satirischer gewesen. Die Szene auf dem Schrottplatz, in der das "verlorene" Auto wieder auftaucht, hätte eigentlich auf der Polizeiwache spielen sollen, und die dubiosen Typen, die als Security in Max's "Projekt" einsteigen wollen, hätten eigentlich nicht irgendwelche Mafiosis sein sollen, sondern ganz offizielle Polizisten. Das hat dann aus schnöden praktischen Gründen nicht geklappt, obwohl eigentlich schon alles mit der Polizei gedealt war. Die „Dynamische Politik“ in Polen ist eben sehr unstätig. Und so spricht die Automafia einfach die Texte der Polizisten, was auch seinen Charme hat...
Der Schauspieler, Komiker, und Autor des Bestsellers 'Viva Polonia', Steffen Möller, der vor kurzem auch im Capitol Schwerin gelesen hat, hat sich in die Polen verliebt und sieht sich jetzt als eine Art inoffizieller deutsch-polnischer Kulturbotschafter.
Was macht dich zur Völkerverständigerin?
Das klassische Scheidungskind-Syndrom. Polen steht für meine Kindheit und meine Familie, Deutschland für meine Freunde und meine Arbeit. Ich versuche halt die beiden Hälften wieder zusammenzubringen.
Zusammen mit deinem Freund und Arbeitspartner Jonas Grosch, mit dem du auch das Drehbuch zu 'Polska Love Serenade' geschrieben hast, warst du erst neulich wieder beim Dreh,
nur diesmal vor der Kamera ...
Wir haben gerade die Dreharbeiten beendet. 'Resisté – Aufstand der Praktikanten' ist Jonas' Diplomfilm. Wieder eine Komödie. Es geht um die knallharten Gesetze der Generation Praktikum und natürlich um Liebe und Revolution... Die Schauspielerei ist mein zweites Standbein. Familienbedingt stand ich mit drei zum ersten mal auf der Bühne. Seit 1998 habe ich viel fürs Fernsehen gearbeitet, 'Resisté' ist nun meine zweite Rolle fürs Kino. Ich spiele Elaine, eine tiefdekolletierte Medienjournalistin die ihr Dasein als Praktikantin bei einer Fernsehshow fristet und sich dem Aufstand anschließt. Natürlich nicht ohne Folgen.
Man darf also, gespannt sein, ich bedanke mich für das Gespräch, alles weitere bei der Eröffnung am Donnerstag!
(Interview von Stefan Fichtner im Vorfeld der 2. Woche des polnischen Films Meckelnburg-Vorpommern Januar 2009)
